Siedlung Plakias

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Blick Richtung Süd auf Plakias und der gleichnamigen Bucht mit dem Kap Kakomouri aus ca. 550 m Höhe; links am Berg Mirthios                                                                                                                                               (©) Andreas Engelhardt

 

 

Die Siedlung Plakias liegt am Lybischen Meer, ca. 35 km von Rethimno entfernt. Dieser Ort wird von den beiden oberhalb am Berg liegenden Dörfern Sellia und Mirthios “betrieben” und verwaltet. In ihr leben laut Volkszählung von 2011 325 ständige Bewohner. Der Ort macht den Eindruck, als sei er schon seit fast immer mit Hotels, Cafes, Tavernen, Mietzimmern, Supermärkten, Camping, Clubs, Postamt, Apotheken usw. ausgestattet.

Der Name dieses Ortes geht auf die in der Bucht befindlichen Sandsteinplatten (plaka – πλάκα = Platte) zurück. Es gibt eine andere, allerdings sehr umstrittene, Theorie, wonach der Name von den aus frühbyzantenischer Zeit stammenden und in der Umgebung der Kapelle „Zoodochos Pigis“ aufgefundenen Grabplatten herrührt (am nördlichen Rand des Ortes zwischen der Straße nach Sellia und dem Weg zur alten Mühle).

 

Frühere Geschichte

Das Plakias der Vergangenheit war zunächst überhaupt keine Siedlung, die Bucht diente lediglich während der Sommermonate als Ankerplatz für die Gelegenheitsfischerei einiger Bewohner der Dörfer Sellia und Mirthios und beherbergte lediglich die eine oder andere Hütte.

Die Bucht von Plakias hat sich nie als natürlicher Hafen angeboten, da sie vor Wind und Hochwasser ungeschützt und die Wassertiefe für größere Boote bzw. Schiffe zu gering war. Ansonsten wäre es ein idealer Ort für die frühzeitliche Entwicklung einer größeren Siedlung gewesen, angesichts der weit ausgreifenden Talebene in östlicher Fortsetzung der Bucht.

Die Landzunge am Ende der Bucht, der Kakomouri bzw Kako Mouri, hat neben dem markanten Steilfelsen zwei bemerkenswerte Löcher aufzuweisen. Sie werden “Gonates” genannt (gonato – γόνατο = Knie). Der Legende zufolge kniete dort der Riese Digenes Akritas (Hauptfigur und Namensgeber des wichtigsten byzantischen Heldenepos’)  nieder, um aus den Quellen des Megapotamos (entpringt in der Kourtialotis-Schlucht) zu trinken.

Neuesten archäologischen Erkenntnissen nach (siehe hier (englisch)) finden sich in der näheren und weiteren Umgebung Hinweise auf eine steinzeitliche Besiedlung Kretas, die mindestens 130.000 Jahre zurückreicht und damit einen Beleg dafür darstellt, dass schon damals Seereisen stattfanden (der derzeitig älteste Beleg für Seereisen verweist auf 60.000 Jahre v. Chr. mit der Besiedlung Australiens). Darüber hinaus sind zahlreiche minoische, dorische, römische, byzantinische, venezianische und natürlich osmanische Kulturüberreste auffindbar, wobei allerdings keine Funde die Größe kultureller Zentren wie Knossos, Festos, Gortyn, Zakros, Cydonia u.ä. auch nur annähernd erreichen. Direkt Plakias betreffend kann auf die altertümlichen Stätten Lamon, Appolonia und das Phoinix Lappas verwiesen werden, deren exakte Ortsbestimmung allerdings bis heute nicht 100%ig belastbar nachgewiesen ist, da unterschiedliche Quellen unterschiedliche Angaben machen.

Ein Teil der Ruinen des ehemaligen Finikias                                     (©) Andreas Engelhardt

Wissenschaftlichen Forschungen nach soll der Apostel Paulus in der Souda-Bucht westlich von Plakias kretischen Boden betreten und in dem damals oberhalb der Bucht gelegenen Ort Finikia die Worte Jesu Christi gepredigt haben.

Auf einem Hügel ziemlich genau östlich oberhalb des heutigen Hotel Alianthos sind noch Überreste/Ruinen einer Festung sichtbar, die von den Osmanen als polizeiliche Wachstation zur Kontrolle der umliegenden Dörfer und Strände benutzt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Venezianer  diese Festung zum gleichen Zweck benutzten. Besagter Hügel wird von den Einheimischen „Koules“ genannt (Koules bezeichnet im Griechischen immer eine Festung und ist vom entsprechenden türkische Wort “kule” abgeleitet; siehe auch den Koules in Heraklion). Zwischen 1900 und 1904 wurde das Gebäude von Bewohnern Mirthios bis auf die heutigen Überreste zerstört.

Seit der venezianischen Zeit (vermutlich) dienten Wassermühlen der Bevölkerung der umliegenden Dörfer dem Mahlen von Getreide. Fünf Mühlen in der Kotsifou-Schlucht am östlichen Ufer des Flußes wurden von Mirthios aus betrieben (heute sind noch drei Mühlen als Ruinen deutlich lokalisierbar) und die zu Sellia gehörende Pigado-Mühle befand sich direkt oberhalb der Souda-Bucht am Bach der in besagte Bucht mündet. Auch Bewohner der Insel Gavdos kamen mit ihren Booten um ihr Getreide malen zu können. Heute sind nur noch Ruinen der Mühlen übrig (die Überreste der Pigado-Mühle sind inzwischen in einen privaten Neubau integriert).

 

Neuere Geschichte

Die Geschichte der Siedlung Plakias beginnt mit dem Beginn des 20igsten Jahrhunderts und ist sehr eng verbunden mit der kommerziellen Ausbeutung der südlich von Mirthios befindlichen Braunkohlevorkommen durch ein deutsches Unternehmen. Gleichzeitig ist sie eng verbunden mit der Fischerei am Ankerplatz der Fischer, der heutigen Mole, in deren unmittelbareren Nähe sich die bauliche Entwicklung dann hauptsächlich vollziehen sollte.

Braunkohle

Während der ägyptischen Besatzung Kretas (1830-1840) wurden im Jahre 1839  Braunkohlevorkommen entdeckt. Da 1840 die Ägypter Kreta verlassen mussten, konnten sie ihre Pläne zum Abbau des Erzes und zum Bau eines Hafens nicht verwirklichen. 1845 beschrieb der französische Forscher Victor Raulin die Qualität der Braunkohle als minderwertig. Das gleiche Ergebnis brachte 1897 der Geologe und Paläonthologe Vittorio Simonelle zum Ausdruck.

Sichtbare Überreste der für die Verladung auf Schiffe benötigten Mole an den “Gonates”                                                                     (©) Andreas Engelhardt

Der Abbau der Kohle durch das deutsche Unternehmen wurde bis 1929 betrieben. Sie wurde aus fünf Schächten südlich von Mirthios mit Tiefen von maximal 30-40m gewonnen. Diese Schächte sind inzwischen zugeschüttet und heute nicht mehr genau lokalisierbar. Die Kohle wurde auf einer Lore auf Schienen die ca. zwei Kilometer bis zu den „Gonates“ am Kakomouri transportiert, wo sie verschifft wurde. Noch heute sind an den „Gonates“ die Überreste der für die Verladung auf Schiffe benötigten Mole zu sehen. Und wer dort auf Tauchgang geht, dürfte die von Kindern damals versenkten Loren finden.

Es war dieses deutsche Unternehmen, welches die ersten beiden Gebäude der Siedlung Plakias errichtete: das „Spitara“ (heute das Restaurant „Sofia“) und daneben eine Bäckerei (heutige Konditorei und Restaurant „Mousses“). Das „Spitara“ wurde als Lebensmittelgeschäft und Kantine für die Braunkohlearbeiter benutzt.

 

Fischerei und „Katsouni“

Wie schon erwähnt wurde der Fischerei nur während der Sommermonate nachgegangen, zur Erlangung eines zusätzlichen Einkommens neben der Land- und Viehwirtschaft. Der ungewogene Fisch wurde vor Ort zubereitet und in Gesellschaft gegessen. Den Rest verkaufte man an Urlauber und an Einheimische, die aus den Dörfern herunterkamen. Was dann noch übrigblieb, wurde zum weiteren Verkauf auf Eseln in die umliegenden Dörfer der damaligen Provinz Agios Vasilios transportiert.

Als „Katsouni“ wurde die Gegend um die heutige Mole bezeichnet. Sozusagen die „Hafengegend“ Plakias’ bzw. die „Altstadt“. Hier lagen die Boote angeleint im Wasser oder aufgebockt an Land. Eine Mole gab es zunächst nicht; sie wurde erst Ende der Fünfziger Jahre in einer Länge von 10 Metern durch Auszementieren vorhandener Felsbrocken erstellt, zusammen mit einer zusätzlichen Zementplattform. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde die Mole nach und nach hin zu der heutigen Ausprägung inkl. der Wellenbrecher erweitert.

Die Bezeichnung “Katsouni” für die “Hafengegend” ist in den letzten Jahrzehnten und im Zuge der touristischen Entwicklung leider verloren gegangen – nur noch wenige Einheimischen kennen heute diesen Begriff …

Dieser „Hafen“ war nie ein Hafen im Sinne von sicherer Vertäuung von Booten und Schiffen. Er war, vor allem im Winter, den häufig sehr heftigen Südwestwinden ausgesetzt. So wurden die Boote entweder am „Katsouni“ oder, da geschützter, in der Souda-Bucht an Land „geankert“.

Seit 2010 befindet sich der neue und geschütztere Hafen, dessen Bau durch die EU gefördert wurde, westlich von Plakias am Weg zur Souda-Bucht in Betrieb.

 

Deutsche Besatzung

Während der Zeit der deutschen Besatzung wurden Häuser requiriert, teils befestigt, auch umzäunt und faschistischer Nutzung zugeführt. Im Mirthios-Teil wurden Häuser als Lagerstätten benutzt. Es gab Wachlokale in Mirthios, an den „Gonates“, in Damnoni und am Stavri (Souda-Bucht).

Während dieser Nazi-Herrschaft wurden die Braunkohle-Schächte reaktiviert. Ein Teil der Fördermenge verbrachte man per Lore zur Verschiffung zu den „Gonates“. Der größere Teil wurde per Esel durch die Kotsifu-Schlucht transportiert und in Kanevos auf requirierte und Armee-LKW verladen.

 

Siedlungsbeginn/Bautätigkeiten

Das erste Gebäude der Siedlung Plakias wurde von dem deutschen Braunkohle-Unternehmen Anfang des 20, Jahrhunderts errichtet, „Spitara“ genannt und beherbergt heute das Restaurant „Sofia“. In den Folgejahren entstanden ca. 10 weitere Gebäude rund um den „Katsouni“, also im zu Sellia gehörenden Teil Plakias. Auch im Mirthios-Teil wurden in der Zwischenkriegszeit eine Handvoll Häuser gebaut. Diese beiden Siedlungsteile von Plakias wurden bis in die Fünfziger/Sechziger Jahre überwiegend nur im Sommer bewohnt – die Volkszählung von 1961 zählte 6 ständig dort wohnende Familien.

Im Zuge der noch zarten touristischen Entwicklung in den Sechziger Jahren (mit überwiegend kretischen und athenischen Besuchern) wurde von griechischer Regierungsseite aus eine architektonische Planstudie zur touristischen Entwicklung der Siedlung Plakias und Agia Galini in Auftrag gestellt, die 1968 veröffentlicht wurde. Die Wohneinheiten mit Kapazitäten für 1.500 bis 3.000 Betten sollten sich organisch in die Umgebung einfügen und moderner Ausdruck eher traditioneller Bauweise sein. Bestandteil der Studie war auch die Integrierung infrastruktureller Maßnahmen sowohl für den touristischen Teil, als auch für die örtliche Ökonomie. Die Wohneinheiten sollten in der Gegend Paligremnon, also am südlichen Ende der Plakias-Bucht, aber auch nördlich der bestehenden Plakias-Siedlung entstehen. Diese Planstudie wurde nie umgesetzt.

Der touristische Ausbau Plakias begann ganz sachte in den Siebzigern und intensivierte sich in den Achtzigern. Er verlief dann überwiegend chaotisch, mit schwindelerregender Geschwindigkeit und zunächst ohne ausreichend begleitende Infrastruktur. Die zuständigen Dörfer Sellia und Mirthios lieferten sich einen Konkurrenzkampf ohne einen gemeinschaftlichen städtebaulichen Plan. Erst 1993 gab es einen durch die Präfektur Rethimnon beschlossenen städtebaulichen Plan  für die gesamte Siedlung Plakias, dessen Durchführung aber nur im Mirthios-Plakias realisiert wurde.

 

Entwicklung des Tourismus und der Infrastruktur

Zum Ende der Fünfziger Jahre erschienen sporadisch die ersten ausländischen Touristen, deren Mehrheit Australier, Engländer und Deutsche waren. Gleichfalls begannen Sellia- und Mirthios-Geborene, die in Athen oder Rethimnon lebten, während der Sommermonate in Plakias ihre Ferien zu verbringen.

In den Sechzigern erschienen die ersten Hippies, nur sehr wenige, denn sie ließen sich überwiegend in den Höhlen von Matala nieder (östlich von Plakias und südlich von Agia Galini). Einige lebten auch unter den kretischen Dattelpalmen von Preveli.

Der touristische Anteil an der Ökonomie der Siedlung Plakias war bis in den Beginn der achtziger Jahre noch recht bescheiden, auch wenn die Zahl der Tavernen zugenommen hatte und schon 1973 das Hotel Livikon im Mirthios-Plakias eröffnete. Der oben erwähnte chaotische und wilde Bauboom bis in die neunziger Jahre hinein war die Reaktion auf einen wachsenden Zustrom von Touristen. Aus der ehemals beschaulichen sommerlichen Fischersiedlung am „Katsouni“ wurde eine der bedeutendsten touristischen „Hotspots“ der Südküste Kretas, neben Paleochora, Agia Galini und Ierapetra.

Plakias gen Osten heute (2015)

Die Infrastruktur des Ortes entwickelte sich als Reaktion auf wachsende Bedürfnisse der Bevölkerung, der Zunahme an Touristen,  deren Ansprüche und der Bauwut seit den Achtzigern. 1971 wurde Plakias elektrifiziert, seit Ende der Siebziger mit Wasserleitungen versorgt und seit dem Anfang der neunziger Jahre gibt es eine kommunale Kläranlage. Straßen wurden asphaltiert, erweitert, ausgebaut. Zahlreiche Supermärkte, zwei Apotheken, eine Arztpraxis, ein Postamt, diverse Fahrrad-, Auto-, Motorrad- und sonstige Vermietungen entstanden. Gebührenfreie Parkplätze und mehrere Tankstellen kamen hinzu. Tavernen, Restaurants, Cafes, Bars, Diskos sorgen für das tägliche und nächtliche Wohl. Hotels, Mietzimmer und ein Camping bieten Unterbringung als ihre Dienstleistungen an.

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

  • Χαρίδημος Α. Παπαδάκης  – Ο Πλακιάς του χθές / Charidimos A. Papadakis – Plakias in the past, 2. Auflage griechisch-englisch Rethimno 2017
  • Offizielle Seite der Gemeinde Agios Vasilios (http://www.agios-vasilios.gr/)
  • Κώστης Ηλ. Παπαδάκης – Πλακιάς (Σελλιανός και Μυρθιανός), Σ. 511 – 520, ΕΚΔΟΣΗ ΔΙΕΘΝΟΥΣ ΕΠΙΣΤΗΜΟΝΙΚΟΥ ΣΥΝΕΔΡΙΟΥ
    ΓΙΑ ΤΗΝ ΠΡΩΗΝ ΕΠΑΡΧΙΑ ΑΓΙΟΥ ΒΑΣΙΛΕΙΟΥ, Τόμος Δ, ΧΩΡΙΑ ΤΗΣ π. ΕΠΑΡΧΙΑΣ
    ΑΓΙΟΥ ΒΑΣΙΛΕΙΟΥ ΡΕΘΥΜΝΟΥ, Ρέθυμνο 2011   –   Kostis Il. Papadakis – Plakias (Sellia- u. Mirthios-Teil), S. 511 – 520, aus Band 4 (Dörfer der alten Provinz Agios Vasilios) des Berichtes über den internationalen Kongress 2009 der Gemeinden Agios Vasilios zur Geschichte der früheren Provinz Agios Vasilios, Rethimno 2011)
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